Kitabetreuung unter 3?




In diesem Artikel möchte ich die Chancen, aber vor allem auch die Gefahren der Betreuung von Kindern unter drei Jahren in Kitas oder bei Tagesmüttern herausstellen und Wege aufzeigen, wie eine resilienzorientierte Fremdbetreuung möglich sein kann, sodass die Widerstandskraft und die mentale Stärke deines Kindes gestärkt und nicht geschwächt wird.


„Die Zeit des Kindes mit Vater und Mutter darf nicht beliebig reduziert werden. (…) Das Kind bindet sich an die Person, die verfügbar ist, die Zeit hat.“

(Remo Largo, Schweizer Kinderarzt)


Dieses Zitat verdeutlicht, wie bedeutsam es für ein Kind ist, seine Eltern zu sehen, mit ihnen zu kuscheln, zu schmusen, zu toben und seine Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. Egal, welche Person dein Kind betreut, wie lieb sie ist und wieviel Zeit sie sich für dein Kind nimmt, sie ist dennoch eine fremde Person. Auch wenn dein Kind versucht sich an sie zu binden, weil es sich an sie binden muss (da in dem Moment keine andere Person zur Verfügung steht), bedeutet es nicht, dass es sich auch wirklich innerlich fallen lassen kann, dass es ausgelassen ist und weiß, dass es geliebt wird. Es ist wichtig, diesen Umstand als Elternteil zu verinnerlichen und ihn mit in die Beantwortung der Frage, ob ein Kind unter drei Jahren bereits eine Kita besuchen sollte, einzubeziehen.


Zunächst einmal macht es generell Sinn, sich die Vor- und Nachteile einer Betreuung durch die Kita oder Tagesmutter anzuschauen:

Vorteile von Kitas und Tagesmüttern für U3-Kinder

Von klein auf ist der Mensch ein soziales Wesen, das die Nähe zu anderen sucht und sich durch und mit anderen in seiner Persönlichkeit weiter entwickeln kann. Selbst Babys nehmen schon andere Kinder wahr und interessieren sich für diese. So können Kinder schon unter 3 Jahren vielfältige soziale Erfahrungen sammeln, indem sie innige Kontakte zu anderen Kindern und Erwachsenen knüpfen. Diese Erfahrungen können nicht nur durch die Eltern ermöglicht werden.


Bei der Tagesmutter oder in der Kita gibt es viele neue Lernanreize für ein Kind und es kann eine neue Welt entdecken. Zudem erhält es eine professionelle Lernbegleitung und Unterstützung von extra dafür ausgebildetem Personal.

Nachteile von Kitas und Tagesmüttern für U3-Kinder

Die ganztägige Trennung von den Eltern bedeutet, insbesondere in den ersten Monaten, einen enormen Stress für die Kinder und ist eine psychische Belastung.

Dies wurde durch Messungen des Cortisol-Spiegels (Stresshormon) in Studien nachgewiesen. Teilweise ist dieses Stresslevel sogar vergleichbar mit dem Stressempfinden von Pflegepersonal oder Bundeswehrsoldaten. Vor allem Kinder, die äußerlich ruhig wirken, weisen innerlich ein sehr hohes Maß an Stress auf und sollten daher nicht aus den Augen verloren werden!


Eine plötzliche und lange Trennung wird von einem Kleinkind als lebensbedrohlich angesehen, da es evolutionär auf den Schutz von den Eltern angewiesen ist und dies in seinem Unterbewusstsein verankert ist. Gerade unter 3 Jahren hat ein Kind noch kein zeitliches Verständnis dafür, dass die Eltern bald wieder da sind. Hinzu kommt, dass ein Kind sich selbst und seinen Gedanken noch keinen Ausdruck über die Sprache verleihen kann. Auch Erklärungen von Erzieher:innen sind für die Kinder in diesem Alter noch nicht greifbar, um den Trennungsschmerz lindern zu können.


Ein weiterer Nachteil ergibt sich daraus, dass die Bedingungen von Betreuungseinrichtungen häufig nicht dem entsprechen, was aus pädagogischer Sicht zu befürworten wäre, um die Kinder bestmöglich betreuen und fördern zu können. Sinnvoll ist für Kinder unter 3 Jahren ein Betreuungsspiegel von 3-4 Kindern pro Erzieher:in. In vielen Einrichtungen sind es aber zumeist 6-7 Kinder, sodass es den Erziehern:innen unmöglich ist zeitnah auf die Bedürfnisse der Kinder zu reagieren und auf diese einzugehen. Dies führt dazu, dass Bedürfnisse übergangen werden, es zu Überforderung und sozialer Unsicherheit des Kindes kommen kann.


Grundsätzlich sind sich die Forschungen einig darüber, dass Kinder unter 3 Jahren die Trennung von ihren Eltern durchaus verkraften können. Allerdings müssen dazu einige Bedingungen erfüllt werden.


7 Bedingungen für eine U3-Betreuung


Mehr Zeit mit den Eltern als in der Fremdbetreuung!

1. Es ist wichtig, dass dein Kind nicht zu viel Zeit in der Kita oder bei der Tagesmutter verbringt. Achte darauf, dass dein Kind insgesamt mehr aktive Zeit mit seinen Eltern verbringen kann als in der Fremdbetreuung zu sein (und zwar ohne die Schlafenszeiten mit einzubeziehen). Eine genaue Stundenanzahl wird in der deutschen Forschung bisher nicht angegeben. Allerdings gibt es amerikanische Forschungen dazu, die davon ausgehen, dass ein Umfang von etwa 20 Betreuungsstunden pro Woche in Kita-Einrichtungen und bei Tagesmüttern für Kinder unter 3 Jahren so verkraftet werden kann, dass die Kinder im seelischen Gleichgewicht bleiben.

Keine tagesweise Fremdbetreuung unter einem Jahr!

2. Ich persönlich würde dir davon abraten dein Kind unter einem Jahr in eine Kita oder zu einer Tagesmutter zu geben, da insbesondere im ersten Lebensjahr das Urvertrauen vor allem zu der Mutter (z.B. durch das Stillen und die bedingungslose Nähe und Liebe) ausgebildet werden muss und massiv gestört wird, wenn das Kind hier in eine Fremdbetreuung abgegeben wird! Kann das Urvertrauen nicht ausgebildet werden, so kann es in den folgenden Entwicklungsjahren bis hin zum Erwachsenenalter zu schweren psychischen Störungen kommen und dazu führen, dass es deinem Kind schwer fallen wird Beziehungen zu anderen sowie eine intakte Beziehung zu sich selbst aufzubauen.


Harmonie, Schutz und Stabilität

3. Achte darauf, dass dein Kind in der Kita oder bei der Tagesmutter eine harmonische, schützende und stabile Umgebung vorfindet, da diese entscheidend für seine Bedürfnisbefriedigung, für seine mentale Stärke und für die Entwicklung seiner psychischen und sozialen Fähigkeiten ist. (Hier kannst du dir auch nochmal meinen letzten Artikel zur Auswahl einer guten Kita durchlesen.)


Fließende Übergänge - Take your time!

4. Übergänge zur Fremdbetreuung müssen fließend erfolgen und dürfen nicht abrupt geschehen, da die Stressbelastung für dein Kind gerade in den ersten Monaten enorm ist. Solltest du bei einer Eingewöhnung merken, dass darauf kein Wert gelegt wird, dann sprich darüber und verweise darauf, wie wichtig eine langsame Eingewöhnung für dein Kind ist! Vor allem ist es wichtig, dass du am Anfang mit in der Einrichtung dabei sein kannst, um den Übergang für dein Kind angenehm und vertrauensvoll zu gestalten. Nimm dir die Zeit dafür! Wenn die Einrichtung mit der Bitte anruft dein Kind abzuholen, dann nimm dies ernst und beeile dich, um schnellstmöglich wieder bei deinem Kind zu sein. Für das Urvertrauen und die Bindungsfähigkeit ist es wichtig, dass dein Kind weiß, dass du für es da bist, wenn du es brauchst.


Kleine Kinder kleine Gruppengröße!

5. Je kleiner die Kinder sind desto kleiner sollte auch die Gruppengröße sein. Zudem ist es wichtig, dass die Gruppe zusammenwachsen kann und sowohl die Kinder als auch die Erzieher:innen nicht ständig wechseln, sondern eine Verlässlichkeit für dein Kind entstehen kann.


Was tut deinem Kind gut? Nimm dir Zeit für die Beantwortung dieser Frage!

6. Achte besonders sensibel darauf, welcher zeitliche Rahmen deinem Kind gut tut und was zu viel für es ist. Wenn du beispielsweise beim Abholen deines Kindes merkst, dass es sich von dir abwendet und eher den Bezug zum/r Erzieher:in sucht, dann kannst du davon ausgehen, dass die Trennung nicht richtig von deinem Kind verarbeitet werden kann. Die Abwendung von dir oder die Nichtbeachtung von dir sind oft ein Zeichen dafür, dass du die innerliche Stresssituation deines Kindes nicht auflösen kannst. Daran merkst du dann, dass die Fremdbetreuung zu viel für dein Kind ist und du lieber einen Gang runterschalten solltest, um die Psyche deines Kindes wieder in Balance zu bringen. Gönne dir und deinem Kind in solchen Fällen mehr Zeit zusammen und verringere unbedingt die Betreuungsstunden! Manchmal reden wir uns ein, dass es unserem Kind vielleicht bei der Betreuungsperson besonders gut gefällt und es deswegen nicht weg möchte, aber es ist genau das Gegenteil! Dein Kind braucht dich dann mehr denn je und es ist wichtig, dass du ihm die Zeit mit dir gibst, die es braucht, um eine sichere Bindung aufbauen zu können.


Gespräche sind das A und O

7. Sprich mit den Erziehern:innen darüber, wie es deinem Kind geht und woran die Erzieher:innen dies festmachen. Wenn hier Beschreibungen auftauchen, wie: „Dein Kind ist sehr unauffällig und still“, dann solltest du genau hierüber in den Dialog gehen, da dies darauf hindeutet, dass das Stresslevel für dein Kind zu groß sein kann und es nicht mehr schafft dies auszugleichen.




Meine Lese-Tipps:


Jeanette Otto: Weg vom Rockzipfel; Zeit 19.04.2007


Deutsche Psychoanalytische Vereinigung: Krippenausbau in Deutschland - Psychoanalytiker nehmen Stellung; Memorandium der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) vom 12.12.2007

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Herzlich Willkommen & danke fürs Vorbeischauen!

Ich bin Mama, Ehefrau, (Sozial-)Pädagogin und Lehrerin. Hier auf meinem Blog möchte ich dich mit meiner Leidenschaft für eine resilienzorientierte Erziehung anstecken. Schenke deinem Kind Liebe und lasse eure  Beziehung wunderschön und kraftvoll werden.

♡Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich. (Hermann Hesse)

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