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Grenzen in der Erziehung - Wie du deinem Kind liebevoll Grenzen setzen kannst (1/3)





Kinder möchten die Welt erkunden, sie möchten sich selbst immer wieder neu entdecken und haben große Freude daran, genau das auszuleben, wonach sie sich im jeweiligen Moment sehnen und wonach ihnen ist. Natürlich wäre es falsch, dass man sein Kind in diesem Streben nach Autonomie, Freiheit und Selbstentdeckung gänzlich sich selbst überlässt und sein Kind schlichtweg ausschließlich das machen lässt, was es möchte. Falsch ist es aber auch, in ein autoritäres Erziehungsverhalten abzurutschen, bei dem man eine Grenze mit Zwang und Druck versucht einzufordern. Wie aber kann man als Erzieher:in in eine Balance zwischen diesen beiden Erziehungsextremen gelangen und liebevoll Grenzen setzen? In diesem Artikel gebe ich dir praktische Tipps, mit welchen Techniken du deinem Kind gewaltfrei und resilienzorientiert Grenzen aufzeigen kannst.


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Grenzen sind durchaus wichtig, weil sie deinem Kind Sicherheit und einen geschützten Rahmen geben, in dem es sich selbst entwickeln kann und zu einer eigenständigen Persönlichkeit werden kann. Doch es sagt sich aus der Theorie heraus oftmals so leicht, dass eine Grenze liebevoll und bedürfnisorientiert eingefordert werden soll. Was ist aber mit Situationen, in denen man eine Grenze als Erzieher:in aufzeigt, die dann beim eigenen Kind zu Frustration und einem Wutausbruch führt? Wie kann man seinem Kind deutlich machen, dass die gesetzte Grenze sinnvoll ist und zu seinem Wohlergehen beitragen kann? Wie kann ich es als Erzieher:in schaffen, wirklich liebevoll zu bleiben und im bedürfnisorientierten Sinne meines Kindes zu handeln?


Es gibt leider nicht den einen Geheimtipp, der zum Erfolg oder zur Lösung führt!

In diesem Artikel möchte ich dir zeigen, wie genau du als Erzieher:in liebevolle Grenzen setzen kannst, also welche Techniken du anwenden kannst, um eine Grenze zu setzen. Sicherlich könnte man hierüber vermutlich vielmehr ein ganzes Buch als einen Artikel schreiben, aber mir geht es hier nicht so sehr um Vollständigkeit, sondern um ein paar Tipps, die du mal ausprobieren kannst, wenn du beim nächsten Mal eine Grenze aufzeigen möchtest. Dabei gibt es leider nicht den ultimativen Geheimtipp, mit dem dann am Ende alles bestens wird, sondern es gibt immer nur Möglichkeiten, die man ausprobieren kann, um dann selbst in seinem individuellen Familiensetting zu schauen, ob dies für euch als Familie passt und zu einem angenehmen Situationsausgang oder gar einer „Lösung" beiträgt oder nicht. Dein erzieherisches Handeln ist demnach immer im Wandel, immer in Dynamik.


Nimm den Druck raus: Du wirst nicht jede Grenze vorbildlich aushandeln können

Auch wenn du heute eine Grenze ganz wunderbar und liebevoll setzen kannst, kann dies im anderen Moment schon wieder ganz anders aussehen. Das ist völlig normal und es tut gut zu wissen, dass es keinem/r Erzieher:in der Welt gelingt, immer eine vorbildliche und perfekte Aushandlung von Grenzen vorzunehmen. Selbst Mary Poppins muss an der ein oder anderen Stelle zu Hilfsmittelchen wie einem Löffelchen voll Zucker greifen, um den gewünschten Erfolg zu erzielen und das ist auch grundsätzlich okay :-) Wichtig ist jedoch, dass du den Aushandlungsprozess immer wieder hinterfragst und überdenkst.


Dein Kind braucht Autonomie und Selbstbestimmung

Aus dem Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung heraus, versuchen Kinder immer wieder auf's Neue Grenzen zu überwinden und sie zu erweitern. Zu diesem Bestreben gehört dann auch automatisch mit dazu, dass die Grenzen, die du deinem Kind setzt, versucht werden zu überwinden. Genau dieser Prozess ist völlig normal. Demnach musst du für dich eine mentale Haltung erschaffen, die es dir ermöglicht, den Widerstand, den eine liebevoll gesetzte Grenze automatisch mit sich bringt, aushalten zu können. Und zwar so auszuhalten, dass man selbst nicht in eine negative Emotionsspirale gerät, sondern eine Grenzaushandlung möglichst sachlich und in sich selbst ruhend vornimmt.


Lass dich nicht in eine negative Emotionsspirale hineinziehen

Natürlich wird dein Kind nicht sagen:

„Na klar, es ist gut und wichtig für mich, dass du mir eine Grenze setzt!" Es wird sich vielmehr versuchen über die Grenze hinwegzusetzen, gegen sie anzugehen, ebenso wie es seiner unbefangenen Natur und seinem kindlichen Wesen entspricht. Das auszuhalten ist oft unheimlich schwer. Daher finde ich es wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, inwiefern es wirklich sinnvoll und wichtig ist, seinem Kind eine bestimmte Grenze zu setzen. Demnach solltest du eine Grenze erstmal vor dir selbst rechtfertigen.


Begründe die Grenze vor dir selbst

Wenn es dir gelingt eine Grenze gut zu begründen, kannst du selbst viel besser einschätzen, ob die Grenze, die du setzen möchtest, im Sinne der langfristigen Gesundheit und des Wohlergehens deines Kindes gerechtfertigt ist.


Setzt du die Grenze beispielsweise nur aufgrund von deiner eigenen Bequemlichkeit oder auch, weil du es selbst einfach so gelernt oder von anderen übernommen hast (ohne das dies eine stichhaltige Begründung hat)?

Oder gibt es wichtige Argumente, warum die Grenze, die du setzen möchtest, wirklich wichtig ist, weil sie deinem Kind Sicherheit, Orientierung und Wohlergehen beschafft?


Dabei sollte es in erster Linke nicht darum gehen, was dein Kind will, sondern darum, was dein Kind wirklich braucht! Es geht also um ein unterstelltes Interesse, welches du in den Vordergrund rückst. Hier ein Beispiel: Dein Kind will Süßigkeiten essen, braucht aber ein gesundes Mittagessen. Oder: Dein Kind will mit der Zahnbürste spielen, braucht aber saubere Zähne, damit sie nicht schwarz werden und weh tun.


Überlege, was braucht mein Kind? (Nicht: Was will mein Kind)

Mit der Fragestellung: „was braucht mein Kind?", kannst du eine Grenze, die du setzen möchtest, ganz klar hinterfragen. Dabei überlegst du dir, ob es sich für dich und dein Kind lohnt, eine Grenze einzufordern oder ob es euch nur „unnötig" aufreibt, weil die Grenze keine plausible Begründung hat.


Ist dir die Grenze die „Grenzaushandlung" wert?

Wenn du diese Antwort mit einem klaren „Ja" beantworten kannst, dann hast du selbst eine klare innere Haltung, die es dir vereinfacht mit der Grenzaushandlung umzugehen.


Beantwortest du diese Frage aber mit einem „Jein" oder gar mit einem „Nein", dann hast du vermutlich auch keine hinreichende Begründung gefunden. In diesem Fall rate ich dir davon ab, die Grenze zu setzen.


Allerdings ist es mir an dieser Stelle wichtig darauf hinzuweisen, dass dein eigenes Wohlergehen durchaus auch eine wichtige Rolle spielt, denn es geht in einer resilienz- und bedürfnisorientierten Erziehung immer darum, die Resilienz und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder in den Blick zu nehmen. Wenn du also für dich beschließt, eine Grenze zu setzen, um dich zum Beispiel selbst zu schützen und deine eigenen Grundbedürfnisse zu stillen (z.B. Bedürfnis nach Ruhe, Schlaf, Bewegung, Nahrung), dann ist dies durchaus auch ein wichtiges Argument, das in die Waagschale geworfen werden darf. Bitte gib deine Grundbedürfnisse nicht auf und stemple sie keinesfalls als unwichtig ab!


Achte auf deine eigenen Grundbedürfnisse

Wenn du über längere Zeiträume deine eigenen Grundbedürfnisse zurückstellst, wirst du deine körperliche und mentale Gesundheit gefährden und kannst Grenzaushandlungen dann nur geschwächt, demnach dann gereizt bzw. überreizt vornehmen... ein negativer Teufelskreis.


Finde selbst eine innere Klarheit

Die Frage nach einer Begründung für die Grenzen, die du setzen möchtest, stellt deine Erziehungshaltung auf eine solide Basis, weil die Grenzen nicht aus Willkür erfolgen, sondern deshalb, weil sie Sinn machen. Diese Erkenntnis macht ganz viel mit deiner inneren Haltung:


Wenn du eine Grenze mit innerer Klarheit durchsetzt, wirst du eine bestimmte Körperhaltung, Mimik und Gestik haben, die ein deutliches Signal setzt und eine gewisse Bestimmtheit mit sich bringt.


Wenn dein Kind zum Beispiel Alkohol trinken möchte, weil es sieht, dass du dir ein Glas Rotwein genehmigst, brauchst du nicht lange überlegen, dass hier eine Grenze zu setzen ist. Und genau das strahlst du auch aus, da du die gesetzte Grenze mit innerer Klarheit einforderst. Dein Kind wird entsprechend darauf reagieren.


Wenn du nun aber selber unschlüssig bist, ob du eine Grenze setzen sollst, weil du deren Wichtigkeit noch nicht klar vor dir selbst begründet hast, dann wird das auch über deine Körpersprache zum Ausdruck gebracht werden und dein Kind reagiert entsprechend darauf.


Grundsätzlich gilt hier: In dem Moment, in dem du für deine Grenze begründet einstehst, wird dein Kind entsprechend darauf reagieren.


Allerdings wäre es zu schön um wahr zu sein, wenn diese innere Klarheit dann automatisch in jeder Situation dazu führen würde, dass dein Kind sagt: „Klar, kein Problem, ich sehe, dass das wichtig für mich ist, deshalb mache ich das so, wie du sagst." Die innere Klarheit kann also immer nur ein Teil deines Umgangs mit einer Grenze werden, sie alleine ist aber nich nicht das Patentrezept :-)


Vielmehr wird dein Kind noch immer für seine eigene Grenze, für sein eigenes Interesse losgehen und je nachdem auch für seine eigene Grenze kämpfen und wütend werden, weil genau das eben auch ein innerer und jahrelanger Prozess ist zu erkennen, dass die eigene Autonomie und Freiheit da aufhört, wo die Freiheit des anderen beginnt oder wo eine sinnvoll begründete Grenze gesetzt werden muss.


Um diesen Balanceakt zwischen Autonomie und Grenzerkennung resilienzorientiert zu begleiten, solltest du deinem Kind immer erklären, warum du eine Grenze setzt.


Begründe die Grenze vor deinem Kind

Da dein Kind in dem Moment einer Grenzsetzung mit Empörung reagieren wird, was wiederum zu negativen Emotionen führt, wird es die erklärenden Worte, die du sprichst, gedanklich nicht aufnehmen und verarbeiten können. Daher solltest du dir im Nachhinein noch einmal einen emotionsfreien Raum dafür schaffen, um über die Grenze zu sprechen und deinem Kind zu erklären, warum diese Grenze wichtig gewesen ist. Auf diese Weise wird dein Kind nach und nach lernen Verantwortung zu übernehmen und lernt von dir als Modell, dass man seine Handlungen begründen sollte (was wiederum das moralische Denken fördert und die Unterscheidung zwischen gut und böse).


Begegne deinem Kind mit Liebe - Vermeide die Konfrontation

Wenn nun dein Kind für seine Grenze losgeht und du für deine, dann passiert es schnell, dass eine konfrontative Haltung entsteht. Hier ist es für dich, als erwachsene Person wichtig, dass du genau das nicht zulässt. Lege dir selbst einen Gedanken zurecht, mit dem du deine innere Haltung positiv ausrichtest; z.B. „es ist toll und wichtig, dass mein Kind für seine Ideen losgeht, das ist eine wichtige Eigenschaft".

Begegne deinem Kind mit Liebe und Verständnis statt mit Konfrontation. Oftmals hilft es auch eine Grenze einzufordern, dann aber dem Kind nochmal kurz Zeit zu geben, um diese Grenzsetzung auf sich wirken zu lassen. Im Gegensatz zu dir als Erwachsenem, muss dein Kind ja erst noch lernen, dass auch andere Interessen und Bedürfnisse ihre Berechtigung haben. Wenn du dir das immer wieder klar machst und das Verhalten deines Kindes nicht persönlich nimmst, dann habt ihr beide viel gewonnen. Beachte hier immer die Faustregel: Dein Kind macht das in diesem Moment für sich, aber niemals gegen dich!


Bleibe sachlich

Als grundlegende Haltung ist es wichtig, dass du selbst sachlich bleibst und deinem Kind keine (unberechtigten) Vorwürfe machst. Dabei hilft dir die Begründungsfindung für eine Grenze, die du so auch kommunizierst. Es sollte immer um die Sache und niemals und die Person gehen. Auch wenn dein Kind etwas nicht darf oder etwas Falsches gemacht hat, es ist dennoch zu jedem Zeitpunkt liebenswert und hat es verdient, dass man ihm Trost spendet.


Wenn dein Kind zum Beispiel traurig ist, weil du eine Grenze gesetzt hast, und weint, dann nimm es in den Arm und sei für es da. Aufgrund seines natürlichen Strebens nach Autonomie und Selbstbestimmung ist es für dein Kind emotional sehr herausfordernd eine Grenze zu akzeptieren. Lass dein Kind daher nicht alleine. Es braucht dich gerade in dieser Situation liebevoll an seiner Seite!


Liebevolle Grenzsetzung funktioniert, indem du deinem Kind Liebe schenkst!

Eine Grenzsetzung bedeutet niemals, dass du deinem Kind die kalte Schulter zeigen musst. Es ist nicht nötig deinem Kind deine Liebe zu entziehen, um deutlich zu machen, dass eine Grenze erreicht ist. Im Gegenteil: Es ist erstmal in seiner Ansicht erschüttert, dass alles so funktioniert, wie es sich das selbst in diesem Moment vorstellt. Dies führt zu Unsicherheit. Das wiederum führt dazu, dass es dich und deine liebevolle Zuneigung mehr denn je benötigt.


Gehe immer wieder in die Reflexion

Es gibt niemals die perfekte Grenzaushandlung. Erziehung ist immer ein Prozess. Jeder bringt seine eigene Biografie mit in das Setzen einer Grenze hinein und zudem ist man selbst ja auch als Erzieher:in immer in einer unterschiedlichen Verfassung. Wichtig ist es aber, dass du immer wieder gedanklich in Situationen zurückgehst und dir überlegst, was man beim nächsten Mal besser machen könnte, wenn du eine Grenze liebevoll setzen willst:


Was hat gut geklappt bei der Verdeutlichung einer Grenze?

Was könntest du als Erzieher:in anders machen?

Hat die Zeit gepasst, zu der du eine Grenze eingefordert hast (insbesondere abends haben Kinder nach einem langen Tag oftmals nur wenig Frustrationstoleranz und können daher, insbesondere mit neu eingeführten Grenzen - schlechter umgehen)?

Warum hast du die Grenze gezogen? Für wen ist die Grenze wichtig? Welchen Mehrwert schafft die Aushandlung der Grenze für dich und dein Kind?




☼ Let your family shine ☼

Deine Linda


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Herzlich Willkommen & danke fürs Vorbeischauen!

Ich bin Mama, Ehefrau, (Sozial-)Pädagogin und Lehrerin. Hier auf meinem Blog möchte ich dich mit meiner Leidenschaft für eine resilienzorientierte Erziehung anstecken. Schenke deinem Kind Liebe und lasse eure  Beziehung wunderschön und kraftvoll werden.

♡Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich. (Hermann Hesse)

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