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Erziehung und Grenzen: 10 No-Goes (3/3)




In diesem Artikel möchte ich dir überblickshaft 10 Dinge verdeutlichen, die du besser nicht tun solltest, wenn du eine Grenze setzt.

Auch wenn ich dir diese No-Goes so plakativ präsentiere, damit du weißt, welche Herangehensweisen du bei dem Ziehen einer Grenze vermeiden solltest, ist es gleichzeitig auch klar, dass man sich nicht gänzlich und in jeder Situation von dem ein oder anderen No-Go freisprechen kann. Das ist einfach nur menschlich. Trotz allem sollte es das Ziel einer resilienzorientierten Erziehung sein, dass man dem Erziehungsideal jeden Tag ein bisschen mehr entgegenstrebt und seine Denk- und Handlungsweise immer und immer wieder reflektiert.



♡ ♡ ♡


1. No-Go: Wenn-Dann-Sätze

„Wenn du jetzt nicht hörst, dann gibt es Ärger!" ODER

„Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, dann darfst du dich gleich nicht mit deinem/r Freund/in treffen!" ODER

„Wenn du nicht aufräumst, dann gibt es gleich für dich kein Eis!"


Ich könnte wohl noch ewig so weiter machen mit Beispielen zu Wenn-Dann-Sätzen, die so kursieren und die man sowohl bei sich selbst als auch bei anderen schon zur Genüge gehört hat. Aber bringen diese Wenn-Dann-Sätze überhaupt etwas? Und wenn ja: was?


Das Problem dieser Wenn-Dann-Sätze ist, dass ein Kind nicht aus Einsicht dazu bewogen wird, etwas zu tun, sondern nur, weil es dem Prinzip der sogenannten „Operanten Konditionierung" folgt. Dein Kind lernt Folgendes: Wenn ich etwas im Sinne von Mama und Papa mache, dann werde ich belohnt. Folge ich Mama und Papa nicht, so werde ich entweder aktiv bestraft, indem ich eine negative Handlung von meinen Eltern erfahre (zum Beispiel Schläge) oder indem ich etwas, was mir wichtig ist, nicht machen darf oder nicht beachtet werde.


Demnach folgen die Wenn-Dann-Sätze dem Muster von Belohnung und Bestrafung. Auf diese Weise wird nicht die Einsicht deines Kindes geschult, warum es wichtig ist, die Grenze zu befolgen. Ein Kind, was durch Belohnen und Bestrafen erzogen wird, befolgt eine Grenze nur wegen der Konsequenz, die es zu erwarten hat und nicht, weil es versteht, dass die Grenze Sinn macht und für seine Entwicklung wichtig ist.


In den beiden vorherigen Artikeln habe ich dir hier einige Tipps zusammengestellt, die du mal ausprobieren kannst, um auf das Muster von Belohnung und Bestrafung zu verzichten.


2. No-Go: Etwas von deinem Kind abzuverlangen, was du selbst nie tun würdest

Ich habe schon so oft Situationen erlebt, in denen Kinder von Eltern aufgefordert oder unter Druck gesetzt werden, Dinge zu tun, die die Eltern selbst nicht tun würden. Überlege dir daher immer selbst, ob du dich an der Stelle deines wohlfühlen würdest oder nicht. Dieser Perspektivwechsel eröffnet dir oft ungeahnte Sichtweisen. Hier zwei Beispiele:


Beispiel 1. Ein Kind, das im Sand am Strand gespielt hat und nun sandig ist, wird von den Eltern unter die kalte Stranddusche gehalten. Die Eltern, die selbst Badekleidung anhaben, halten das Kind möglichst weit weg von sich unter die Dusche, damit sie selbst nicht nass werden. Warum?

Ja: es ist kalt!!!

Das Kind schreit daher wie am Spieß; aber das Gespräch der Eltern untereinander zeigt, dass es ihnen wichtiger ist, dass nachher das Auto nicht voller Sand ist!


---------- Wie würdest du dich hier als Kind fühlen? ----------

Was würdest du wohl empfinden, wenn dich eine andere Person gegen deinen Willen unter eine kalte Dusche halten würde?


Beispiel 2. Ein Kind ist im Laufstall. Es möchte seine Umgebung erkunden, es möchte bei seiner Mama sein und es möchte am Leben teilhaben. Die Mama geht in den anderen Raum, denn es ist ihr zu anstrengend, sich das Weinen anzuhören. Da muss mein Kind halt durch, denkt sie. Irgendwann wird es schon aufhören. Aber es hört nicht auf: es jammert, es weint, es kreischt, es schreit sich die Seele aus dem Leib, denn für das Kind bedeutet dieser Zustand evolutionär betrachtet „Lebensgefahr!".

Es weiß ja nicht, dass seine Mama wiederkommt, es weiß auch nicht, dass keine Gefahren lauern. All das weiß die Mama vielleicht, aber nicht das Kind! Die Mama macht den Staubsauger an und hört das Kind nun nicht mehr weinen. Aber aufgehört, hat es noch immer nicht.


----------Wie würdest du dich hier als Kind fühlen?----------

Was würdest du wohl empfinden, wenn dich eine andere Person gegen deinen Willen einsperrt und du nicht weißt, ob und wann du wieder herausgelassen wirst?

3. No-Go: Schreien

Wenn du dein Kind anschreist, ist dies einerseits ein Zeichen dafür, dass du dir keinen anderen Rat mehr weißt, als zu schreien und das wiederum ist ein Zeichen der Schwäche, weil dein Kind spürt, dass du im sogenannten Fight-or-Flightmodus bist. Der Fight-or-Flightmodus wird immer dann aktiviert, wenn wir in Stress geraten, weil uns eine Extremsituation begegnet, die all unsere Reserven kosten wird. Wir machen uns innerlich bereit, um entweder zu kämpfen oder zu fliehen.


Aber dein Kind ist kein Feind und du musst weder vor ihm fliehen noch musst du mit ihm kämpfen. Versuche also sowohl dich selbst zu schützen (denn ein ständiger Fight-or-Flightmodus macht einen Menschen langfristig kaputt) als auch dein Kind, denn es sollte doch nicht davon ausgehen, dass du in ihm einen Feind siehst.


In den letzten Artikeln habe ich hierzu einige Ideen verdeutlicht, die man hier an Stelle des Schreiens mal ausprobieren kann. Vor allem ist es aber wichtig, dass du deinem Kind mit Liebe begegnest, auch dann, wenn es mal nicht so läuft, wie du es gerne hättest als Erwachsener.

4. No-Go: Vorwürfe

Mache deinem Kind bei einer Grenzaushandlung keine Vorwürfe und kein schlechtes Gewissen. Vor allem vor Generalisierungen solltest du dich in Acht nehmen, denn durch die Verallgemeinerung (z.B. „Nie räumst du dein Zimmer auf") bekommt dein Kind gar nicht die Chance etwas verbessern zu können, sondern wird in eine Schublade gesteckt, aus der es für das Kind schwer wird, wieder herauszukommen. Vorwürfe und Verallgemeinerungen führen dazu, dass ihr euch von einer konstruktiven und gemeinsamen Lösungsfindung entfernt und stattdessen in ein negatives Gedankenkarussell abdriftet.


5. No-Go: Negative Emotionsspirale

In dem Moment, in dem wir unserem Kind eine Grenze setzen, wird es automatisch dazu kommen, dass dein Kind eine negative Emotion verspürt, denn sein innerer Drang ist es erst einmal (ebenso wie es seiner kindlichen Natur entspricht) die Grenze zu überwinden. Dieses negative Gefühl, was sich entlädt (zum Beispiel in einem Wutausbruch) führt dazu, dass auch bei dir als Erwachsenem ein negatives Gefühl entsteht, weil du die geballte Frustration zu spüren bekommst. Daher ist es total sinnvoll, dass du als Erwachsener die negative Energie zwar wahrnimmst, aber nicht in dir aufnimmst. Hierzu habe ich einige Tipps in meinem Artikel im Umgang mit Wut zusammengestellt.


6. No-Go: Es persönlich nehmen, dass dein Kind eine Grenze nicht befolgt

Es ist so unfassbar wichtig und gleichzeitig auch so herausfordernd die negativen Emotionen deines Kindes nicht persönlich zu nehmen. Dein Kind macht die Dinge immer für sich, um ein zugrundeliegenden Bedürfnis zu stillen. Es handelt niemals so, weil es dich persönlich verletzen möchte oder dir zeigen möchte, wie unwichtig oder bedeutungslos du bist. Häufig haben wir selbst derartige Glaubenssätze in unserer Kindheit erfahren und werden durch das Verhalten unserer Kinder getriggert, sodass wir uns in Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühle oder das Gefühl mangelnder Liebe zurückgesetzt fühlen. Daher reagieren wir auf unser Kind persönlich betroffen und unterstellen ihm fälschlicher Weise eine böse Absicht.


7. No-Go: Null-Toleranz gegenüber deinem Kind

Bei einer Erziehung auf Augenhöhe, ist es wichtig, dass du tolerant mit den Wünschen, Bedürfnissen und Erwartungen deines Kindes umgehst. Übergehe die Meinung deines Kindes nicht, sondern gib ihm eine Stimme (symbolisch auch wenn es noch gar nicht sprechen kann) und achte seine freie Meinung. Insbesondere in einer demokratischen Gesellschaft, die ja auch nach Möglichkeit eine solche bleiben soll, ist es wichtig, jedem seine Stimme zu lassen und auch unterschiedliche Ansichten zu diskutieren und auszuhalten, ohne dass man es als „anstrengend" abtut.

Wichtig ist bei diesem Punkt auch, dass du nicht direkt wegen jeder Kleinigkeit, die anders läuft, als du es dir vorstellst, an die Decke gehst.

8. No-Go: Du gibst deinem Kind das Gefühl ungeliebt zu sein

Nur weil dein Kind etwas macht, was in deinen Augen falsch ist, ist es nicht weniger liebenswert. Im Umkehrschluss: Dein Kind ist auch dann liebenswert und bedeutsam, wenn es etwas falsch macht. Dieses Gefühl solltest du ihm auch unbedingt ermitteln. Es darf immer um die Sache gehen, aber niemals darum, die Person hinter einer Sache abzuwerten.


9. No-Go: Die To-Do's sind wichtiger, als die Bedürfnisse deines Kindes

Elternsein ist in unserer postmodernen Gesellschaft mit unfassbar vielen verschiedenen Rollen, Anforderungen und demnach auch To-Do-Listen verbunden. Man ist oftmals nicht nur Mama oder Papa, sondern auch Arbeitnehmer:in, Selbständige:r, man ist für seine eigenen Eltern da sowie für die eigenen Freunde, man kümmert sich um Einkäufe, den Haushalt, den Garten, die Instandsetzungen von Haus und Hof, das Auto sowie um alles rund um Kita und Schule. All das will und muss bewältigt werden. Da fällt die To-Do-Liste entsprechend lang aus.


Achte darauf, dass die To-Do's nicht wichtiger werden als dein Kind. Dazu zählt einerseits, dass dein Kind mit seinen Bedürfnissen nicht unter der Last der vielen Aufgaben erdrückt werden darf und andererseits zählt dazu, dass die Beziehung, die du zu deinem Kind hast, nicht darunter leiden darf. Denk hier auch immer an den Leitsatz: Erziehung geht über die Beziehung!


10. No-Go: Du lässt dein Kind alles machen, was es möchte!

Für Kinder ist es wichtig, dass sie liebevoll Grenzen aufgezeigt bekommen, die im Sinne ihrer Persönlichkeitsentwicklung und des unterstellten Interesses gesetzt werden. Diese Grenzen müssen immer sinnvoll begründet sein und dürfen nicht willkürlich getroffen werden.


Für ein Kind ist es nicht erstrebenswert, überhaupt keine Grenzen gesetzt zu bekommen. Im Gegenteil: ein Kind, das alles machen darf, was es gerade möchte, ist innerlich sehr verunsichert und hat zudem das Gefühl, dass sich keiner dafür interessiert, was es macht, ob es ihm gut geht und ob es sicher ist. Für ein Gefühl der Sicherheit, Geborgenheit, des positiven Selbstwertes und der Resilienz, braucht ein Kind die leibevoll-grenzsetzende Resonanz seiner Bezugspersonen.



☼ Let your family shine ☼

Deine Linda





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Herzlich Willkommen & danke fürs Vorbeischauen!

Ich bin Mama, Ehefrau, (Sozial-)Pädagogin und Lehrerin. Hier auf meinem Blog möchte ich dich mit meiner Leidenschaft für eine resilienzorientierte Erziehung anstecken. Schenke deinem Kind Liebe und lasse eure  Beziehung wunderschön und kraftvoll werden.

♡Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich. (Hermann Hesse)

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